Mythos German Angst

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Häufig hört man von der German Angst, wenn in Deutschland irgendwelche Entwicklungen hinterfragt werden. Die Angst der Deutschen vor allen Veränderungen und Neuerungen. Historisch stammt der Begriff aus der unmittelbaren Nachkriegszeit. Nach zwei Weltkriegen und einem Deutschland in Schutt und Asche, definierte man die deutsche Politik, wohlgemerkt an der Leine der alliierten Siegermächte, als ängstlich, zögerlich im Treffen von Entscheidungen und bei gesellschaftlichen Entwicklungen jeglicher Art.

Heute ist die Ansicht verbreitet, dass es sich bei der German Angst um ein über Generationen vererbtes Entbehrungs-Trauma handelt. Auf einer wissenschaftlichen Basis beruht diese Ansicht aber nicht.

Genetisch bedingte Hasenfüße?

Wovor haben die Deutschen Angst? Je nach Meinungsforschungsinstitut wird man feststellen, die Deutschen haben vor so ziemlich allem Angst. Vor Arbeitslosigkeit, Armut, Krankheit, der Politik von Donald Trump, Putin, Terrorismus, Zuwanderung, Krieg, Naturkatastrophen sowie dem Klimawandel – die Listen sind praktisch unendlich.

Ist die German Angst damit bestätigt? Keineswegs, denn im internationalen Vergleich fallen wir nur in den schnöden Durchschnitt. Unsere direkte Nachbarschaft, beispielsweise die Länder Frankreich und Spanien, zeigen sich ängstlicher als wir.

Am deutschen Wesen soll die Welt genesen“

Dieses bekannte Zitat stammt von Emanuel Geibel aus dem Jahr 1861. Ich finde, es definiert „Deutschsein“ auch noch weit über 150 Jahre später perfekt.

Wir Deutschen haben viele gute Eigenschaften. Immer wieder in unserer Geschichte stechen Dichter, Denker, Musiker, Philosophen, Architekten und viele weitere deutlich hervor. Wir sehen nicht oberflächlich nur das ganze, sondern auch das Detail. Wir sind Pünktlich, haben gerne alles geregelt, schätzen Sicherheit und gelten international als sehr gewissenhaft, kultiviert und diszipliniert. Aber wir sind auch notorische Besserwisser, Moralapostel und leidenschaftliche Relativierer.

The German Dream?

In Deutschland haben wir eine interessante Konstellation. Immer wieder stelle ich fest, wir wünschen uns auch einen American Dream. Wir möchten die ultimative Freiheit, aber beim Nachbarn hört es dann schon auf. Einen entfesselten Kapitalismus wie in den USA, aber mit sozialer Marktwirtschaft. Oder im kleineren Maßstab: Hochqualitative Lebensmittel fair gehandelt, regional und Bio, aber so billig wie möglich aus dem Discounter. Paradox.

Ein paar kurze Beispiele aus der Praxis: Wir haben uns selbst den Titel des internationalen Vorreiters in Sachen Ökologie verliehen. Schlechte Nachrichten: China, wo die Kohlekraftwerke ungefiltert qualmen und noch ungehemmt FCKW in die Luft geblasen wird, hat uns längst überholt. Wir glauben auch, dass wir das beste Gesundheitssystem der Welt haben, tatsächlich erreichen wir aber grade einmal Platz 20 und stehen damit sogar noch hinter Slowenien. Immer wieder höre ich, nur in Deutschland gäbe es bei Verlust des Arbeitsplatzes ein soziales Auffangnetz. Aber auch das ist ein Irrtum, hier belegen wir nur das untere Mittelfeld.

German Assertiveness

Fest steht an dieser Stelle, es gibt keine German Angst, nur ein Schlagwort, mit dem sich alles beliebige in einer Diskussion reduzieren lässt. Es ist weder zeitgenössisch treffend, noch steht es mit den Themen in Zusammenhang, in denen es so gerne angeführt wird.

German Assertiveness – die deutsche Überheblichkeit. Diesen Begriff habe ich keineswegs selbst kreiert, um die German Angst zu wiederlegen. Wie schon oben angekratzt, kommt der die German Angst auffallend häufig mit ökonomischen oder sozialen Themen in Verwendung. Nun kommt der Teil mit der Überheblichkeit, denn wir reduzieren gerne und noch viel lieber treten wir nach unten. Dabei wissen wir um die enorme Chancenungleichheit in unserem Land, unser Niedriglohn-Dilemma, die Kinderarmut, die ganz allgemeine Armut – oder dem, was jedem zweiten Rentner droht.

Die meisten Deutschen würden genau jetzt nicht Lösungsvorschläge erörtern, sondern den Unterschied zwischen relativer und absoluter Armut predigen und belehrend die soziale Bezugsgröße an einem beliebigen Dritte-Welt-Land festmachen. Und überhaupt, wenn man denn mit Geld umgehen kann, kann man mit Hartz IV noch drei Mal im Jahr in den Urlaub fliegen – vorausgesetzt, man ist kein klischeehaft rauchender und trinkender „Hartzer“ und heißt nicht gerade Kevin oder Chantal.

Selbstkritik unerwünscht

In den Medien hören wir meist nur gutes über uns selbst, über den Zustand unseres Staates, seiner Wirtschaft und unserer Position in der EU. Kritik ist unerwünscht, Selbstreflexion undenkbar. Deutschland sieht sich nicht nur als europäischen Wirtschaftsmotor, sondern auch als Protektionist der Wertegemeinschaft (aber nur im eigenen Interesse), der kontinentalen Demokratie und als zukunftsweisender Vorreiter. Neben Erfindungen, die die Welt veränderten, der Druckerpresse oder dem Computer, haben wir aber auch die „südländische Mentalität“ erfunden.

Ja sicher spielen immer und überall herkömmliche Klischees mit ein. Alle Franzosen tragen Baskenmütze und die Italiener essen nur Spaghetti, aber wir necken nicht einfach freundschaftlich gegen unsere Nachbarländer, sondern nehmen das wie im Fall der griechischen Troika und der bereits erwähnten „südländischen Mentalität“ offenbar sehr ernst. Zumindest war das »die Erklärung« der Medienwelt, als nach der Finanzkrise 2008 so viele südliche Staaten Europas auf wackeligen beinen standen.

Aber nun genug der langen Worte, bringen wir es auf den Punkt. Wie sehen das die Menschen in anderen Ländern?

Germany Has an Arrogance Problem

Während die Amerikaner unverblümt die deutsche Selbstbeweihräucherung bemängeln, wurde sie auch auf dem EU-Gipfel 2018 in Salzburg offen kritisiert. In Frankreich sagt man, Deutschland macht die EU krank * und in Dänemark kritisiert man die deutsche Bereicherung auf Kosten anderer EU-Staaten *. Die Briten sagen, ein Mitgrund für die Brexit-Entscheidung war die Angst vor einem deutschen Europa * und auch in den Niederlanden sorgt die Erhabenheit der Deutschen * für Stirnrunzeln. Sogar in Deutschland selbst hört man vereinzelt kritische Stimmen.

Nun frage ich mich an dieser Stelle, wie man einen solchen Artikel zu Ende bringt. Sehr abrupt, denn mehr als die Feststellung bleibt nicht. Zumindest eine Hoffnung besteht, denn eine aufgeschlossene Haltung wurde der Millennial-Generation bescheinigt. Die heute 18 bis 35-jährigen pflegen einen lockereren Umgang und zeigen sich weltoffener als der Durchschnitt.

 


* Verlinkte Artikel in der jeweiligen Landessprache

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