Haiku OS im Test

Lesezeit: 7 Minuten


Haiku Desktop

Haiku Desktop

Haiku OS ist der quelloffene Nachfolger von BeOS der Be Incorporated. Haiku basiert allerdings nicht auf dem Quellcode von BeOS, sondern wurde auf dessen Basis nachprogrammiert. Be hatte in den 1990-er Jahren bis um die Jahrtausendwende das Ziel, den herkömmlichen „alten Ballast“ gängiger Betriebssystemen abzuwerfen und nur die besten Seiten von Unix-Systemen, MacOS und AmigaOS zu vereinen. Das System wurde von Jean-Louis Gassée, einem ehemaligen Apple-Entwicklungschef veröffentlicht und sogar Apple selbst zog es als Nachfolger für das klassische Mac OS in Betracht.

Hervorragende multimediale Fähigkeiten zeichneten BeOS aus, auch die Möglichkeit mit mehreren Prozessoren zu operieren und ein ausgezeichnetes Multitasking. 2001 wurde das Betriebssystem allerdings wegen ausbleibendem Erfolg eingestellt. Eher bekannt ist vielleicht ZETA von yellowTAB bzw. später Magnussoft, das einige Jahre lang auf deutschen Homeshopping-Kanälen vertrieben wurde. Auch dieses System war ein „Nachfolger“ von BeOS, das allerdings wegen rechtlichen Problemen bzw. Lizenz-Streitigkeiten und letztendlich dem Bankrott des Herstellers eingestellt wurde.

Schnell und stabil

Trotzdem Haiku OS nicht unbedingt als „abgespecktes“-Betriebssystemen angesehen werden kann, zeigt es sich schon nach einer außergewöhnlich schnellen Installation in einer virtuellen Maschine bei nur 1024 MB Arbeitsspeicher blitzschnell. Das zählt insgesamt für den Startvorgang, dem Laden von Anwendungen und dem allgemeinen, laufenden Betrieb. Wer von Windows oder macOS gewohnte Bedienermenüs sucht, sucht vergebens. Der Haiku-Desktop zeigt sich zwar vertraut mit herkömmlichen Desktopsymbolen, eine Taskleiste oder eine Menüleiste gibt es aber nicht. Stattdessen gibt es den „Tracker“. Eine kleine Menübox am oberen rechten Bildschirmrand dient nicht nur als kompaktes Menü, sondern zeigt auch geöffnete Programme und einen Infobereich für Uhrzeit, Informationen zum Akkustand des Geräts, Netzwerkverbindungen, Sound, Systemauslastung usw.

Haiku Tracker

Haiku Tracker

Haiku OS kommt mit einigen für den Alltag bestimmten Anwendungen und verwöhnt den Benutzer mit einer auffällig hohen Geschwindigkeit. Es existieren über die Haiku-Community verschiedene Distributionswege für Software, zum Beispiel Haiku-Depot. All zu schlecht steht es nicht um Software. Viele Anwendungen, die aus der OpenSource-Welt bekannt sind, finden sich im Depot. Darunter beispielsweise LibréOffice, MPlayer, Scribus, Avidemux oder der bekannte Passwortmanager KeePass. Von Haus aus an Bord sind natürlich auch Basics: Internetbrowser, Medienplayer, Bildbetrachter, Mailprogramm, Druckerverwaltung, Editor, Rechner, diverse Spiele, Tools wie Dateikonverter und mehr.

Haiku Depot

Haiku Depot

Anders

Haiku Mail

Sehr verwunderlich wirkt die mitgelieferte E-Mail-Anwendung. Eine Suite all á Mozilla Thunderbird oder Microsoft Outlook bietet einiges an Komfort – zentral in einem Programmfenster ist alles zugänglich und verwaltet. Das Haiku-Mailprogramm allerdings ist eher „zerstückelt“. Beispielsweise legt es empfangene E-Mails als Dateien in einem festgelegten E-Mail-Ordner ab. Typische Mail-Verzeichnisse wie „Gesendet“, „Spam“, „Papierkorb“ sind tatsächlich als native Ordnerstruktur im System zugänglich – außergewöhnlich. Per Systembenachrichtigung informiert das Programm bei eingehenden E-Mails und wer eine solche verfassen möchte, öffnet direkt den dafür vorgesehenen „Mail-Editor“.

Gruppierungen wie beispielsweise die Systemsteuerung unter Windows gibt es nicht. Sämtliche Optionen sind separat in Menüs gelistet und zugänglich. Etwas gewöhnungsbedürftig, aber durchaus sinnbehaftet. Drag & Drop, Rechtsklick, Scrollen und andere Kleinigkeiten, die man unbedacht täglich nutzt, funktionieren hingegen wie gewohnt.

Problemgebiete

Störend macht sich das Fenster-Management bemerkbar. Die gelben Menüzeilen mit den Programmnamen bieten lediglich die Option „Schließen“ und „Optimale Fenstergröße“. Eine Art Minimierung in den Tracker sowie eine Vollbild-Funktion wären durchaus angebracht. Zwar lassen sich die Fenster schließen und per Klick auf das Programmsymbol wieder öffnen, um fortzufahren wo zuletzt aufgehört wurde, doch wirkt dies teilweise sehr unkomfortabel. Ebenso wirkt störend, dass in Vollbild aufgezogene Fenster immer eine Lücke auf den dahinterliegenden Desktop aufzeigen, da die Menüzeile lediglich so lang wie der Name der Anwendung ist und den freien Bereich im seltensten Fall ausfüllt.

Trotzdem sich die Menübox von Haus aus nicht im Vordergrund befindet, verfehlt sie bei mehreren geöffneten Fenstern ihren Zweck. Ein schnelles Wechseln zwischen den Programmen funktioniert zwar per Tastenkombination, doch muss man sie bei überlappenden Fenstern erst in den Vordergrund holen. Stellt man sie per Option in den Vordergrund, entstehen wieder Lücken zwischen Fenstern, die sich dann wiederum nicht auf Vollbild aufziehen lassen.

Ab und zu beim verarbeiten größerer Datenmengen und mehrer gleichzeitiger Anfragen blieb das Betriebssystem hängen und ließ sich erst wieder durch einen Neustart bedienen. Man muss dabei natürlich berücksichtigen, dass es sich bei der hier getesteten Haiku-Version um eine Beta handelt.

Es muss nicht immer Linux sein

Wer ein alternatives Betriebssystem sucht, landet neben Windows und macOS meist bei Linux. Alles darüber hinaus begrenzt sich überwiegend auf für Endbenutzer unbrauchbare Systeme. Darunter beispielsweise Entwicklungsumgebungen, spezielle Serversysteme, experimentelle oder längst eingestellte Projekte. Haiku gehört zu den Ausnahmen, denn es bietet das Wesentliche ohne viel Schnickschnack, befindet sich auf einem vertretbar aktuellen Stand und in aktiver Entwicklung.

Haiku eignet sich für Anwender, die auf die gängige Programmvielfalt verzichten können, sich auf das Wesentliche konzentrieren möchten und dabei eine außerordentliche Schnelligkeit schätzen. Die Basics lassen sich ohne Einschränkungen ausschöpfen, das System eignet sich auch durchaus für ältere Geräte.

Haiku kann kostenlos für x86-Systeme in 32-bit und 64-bit auf der Herstellerseite heruntergeladen werden.

3 Antworten

  1. Avatar Lelldorin sagt:

    Das ist schon immer so gewesen, zumindest die Einstellung der Fenster,  das verketten von Fenstern ist auch schon älter aber ich weiss nicht ob es das schon zum Beta release gab.

    Der User guide ist sehr aufschlussreich. 

    Unsere Wissensbasis ist auch immer einen Besuch Wert. 

    http://www.besly.de

  2. Avatar Lelldorin sagt:

    Der Tracker lässt sich einfach verschieben,  so das man eine Taskleiste in einer Ecke, Unten oder Oben hat.

    Fenster lassen sich aneinander verketten. Per default wird auch immer Fenster für Fenster geöffnet,  das kann man aber auf Einzelfensterbedienung umstellen. 

    Per Doppelklick auf den Rahmen eines Fensters wird dieses minimiert.

     

    • Tim Schropp Tim Schropp sagt:

      Ist das erst in aktuellen Releases so, oder schon länger?

      Leider kann ich aus der Beta 1 von September 2018 keinerlei (Funktions)-Updates laden, da sich die Softwareaktualisierung nach einigen geladenen Paketen jedes Mal aufhängt und nach Beenden des Programms die Netzwerkverbindung über die VM zusammenbricht. Ich werde wohl demnächst eine Nightly testen.

      Vielen Dank für den Tipp!

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