Die Vitamin D-Lüge: Das Allheilmittel entzaubert

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Kommentar/Meinung – Wer sich mit dem Thema Gesundheit befasst, stößt eher früher als später auf das Thema Vitamin D. Das Sonnenvitamin soll Depressionen, Knochenleiden, Diabetes, Asthma, Krebs, sogar COVID-19 (Coronavirus) und noch viel mehr heilen können. Auch die kleinen Wehwehchen wie einfache Hals- oder Kopfschmerzen und sogar Übergewicht soll es beseitigen. 40 und 80 ng/ml soll die optimale Konzentration im Blut betragen, die Werte variieren aber stark je nach Ratgeber. Die wissenschaftlich gestützten Werte liegen gerade einmal zwischen zehn und 20 ng/ml.

In den letzten Jahren wurde das Vitamin zum Allheilmittel deklariert und der Hype hält weiter an. Hört man die unzähligen Stimmen darüber, hat mindestens jeder zweite Deutsche einen gefährlichen Mangel und dadurch schwerste gesundheitliche Folgen. Wissenschaftler und Ärzte hingegen schlagen Alarm, Nutzen und willkürliche Dosierungen sind zweifelhaft und sogar gefährlich.

Faktencheck

Eine Studie der University of Auckland (Verweis in englischer Sprache) zeigt klar, das Sonnenvitamin ist alles andere als ein Allheilmittel. Beginnen wir bei den vielgenannten Knochenleiden: Die Wissenschaftler fanden praktisch keinen Hinweis. Helmut Schatz, Direktor a. D. der Ruhr-Universität Bochum kommt allgemeiner zu vergleichbaren Ergebnissen: “Man braucht es nicht zu nehmen“. Auch Prof. Dr. Curt Diehm, ärztlicher Direktor der Max-Grundig-Klinik folgert, dem Wundermittel fehlt sämtliche wissenschaftliche Basis und sogar die Stiftung Warentest warnt.

Im Klartext: Es schützt oder gar heilt weder COVID-19, noch Krebs (Verw. i. engl.). Auch ist Vitamin D kein Heilmittel gegen Depressionen, Diabetes, Asthma … Die Liste kann beliebig fortgeführt werden.

Vitamin D-Mangel unwahrscheinlich

Bei uns in Europa wie auch in den USA ist es sehr unwahrscheinlich, einen Vitamin D-Mangel aufzuweisen. Fünf bis 25 Minuten Tageslicht (je nach Hauttyp) pro Tag reichen aus, um den Vitamin D-Spiegel zu decken und Vorräte anzulegen. Betroffen von einem Mangel sind beispielsweise bettlägerige Personen oder solche, die aufgrund anderer Erkrankungen langfristig unfähig sind, Räume oder das eigene Haus zu verlassen.

Studien zeigten, dass die Bewohner polarer Gebiete im nördlichen Skandinavien selbst bei dreimonatiger Dunkelheit (Polarnacht) einen ähnlich normalen Vitamin D-Spiegel aufwiesen, wie die Bewohner in den südlichen Teilen Skandinaviens. Der Körper kann Vitamin D über Monate in Muskel- und Fettgewebe speichern und zehrt auch problemlos im Winter von den Vorräten.

Schwere Folgen durch Überdosierung

Die Überdosierung des Vitamins begünstigt nicht nur Tumorwachstum, sondern beschleunigt auch die Alterung, stellte ein schwedisches Forscherteam der Universität Uppsala fest. Aber auch Herzrhythmusstörungen und Nierenschäden können die Folgen sein. Ebenfalls Müdigkeit, Kopfschmerzen, Übelkeit, Durchfälle oder Verstopfung – also eigentlich alles, dass das Vitamin doch heilen soll…

Woher kommt der Vitamin D-Hype?

Die New York Times ist dem Spuk bereits 2017 auf die Spur gegangen. Um die Jahrtausendwende (als übrigens noch Vitamin C das Allheilmittel war), stellten einige Zeitschriften bei an Multipler Sklerose und psychisch erkrankten Patienten einen zwar normalen, aber im Durchschnitt niedrigeren Vitamin D-Spiegel fest. Ein Schlussfolgerung wurde daraus zwar nicht gezogen, jedoch genügte es, dass die Leser der Magazine den Rest dazu selbst beigetrugen.

Die Nachfrage an Untersuchungen zur Bestimmung des Vitaminspiegels schnellten nach oben, genau so die Nachfrage nach Vitamin D-Präparaten und jenen, die in diesem Produkt einen neuen Absatzmarkt erkannten. Der Hype um das Sonnenvitamin ist unlängst zu einer “Religion” geworden, folgern die interviewten Ärzte Dr. Kathleen Fairfield und Kim Murray des Maine Medical Center.

Angstkampagnen und Werbeprosa

Das Sonnenstudio um die Ecke, die Apothekenzeitschrift, Naturheilkundler und besonders Nahrungsergänzungsmittelhersteller. Sie preisen ihre Mixturen, Produkte und Dienstleistungen als Wundermittel gegen unzählige Krankheiten an. Wenig verwunderlich sind dann die besonders angsterregenden Aufmacher, welche Tode man aufgrund des Vitamin D-Mangels zu sterben hat und bei wie vielen Prozenten der Bevölkerung es genau an diesem mangelt.

Je größer die Angst, desto ausgabenfreudiger sind sie Patienten. Das rechnet sich, allein 2015 haben die Deutschen 124 Millionen Euro für Vitamin D-Präparate ausgegeben. Das Geschäft mit den Nahrungsergänzungsmitteln brummt.

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